Kapitel 1

Alex und der wolpertinger

Kapitel 1: Prinz Leo Lärm

Die Hauptfiguren in diesem Buch sind:

Alex, der Alpenjunge

Ludo, der Wolpertinger

 

Weiter sind von der Partie:

König und Königin Kleeblatt aus Nordland

Prinz Primo, Prinz Dutzend und Prinz Leo Lärm, ihre Söhne

Prinzessin Bluff, die Frau von Leo Lärm

Prinzessin Bärbel, Tochter von Rost Eisenfresser, einem rheinländischen Raubritter

Spachtel Brenner, Kock auf Schloss Prassberg

Halo, der große, kleine Zauberer

Wilhelm Windflügel, der Müller

Hack Span, der Holzhacker

 

Bewohner der Unterländer:

Tonne-Tonne, das Fettmonster

Spark, der Mutdrache

Buhu, die Fledermaus

Flüsterchen, das Wiesel

Waldo, die Waldmaus

Heros, der Hase

 

 

Man erzählt sich, dass das Land von König Kleeblatt, das im großen Land Bayern liegt, die Form eines vierblättrigen Kleeblattes hat. Wenn du so hoch wie eine Schwalbe fliegen könnte, dann könntest du sehen, dass das Land aus vier gleich großen Teilen besteht.

König und Königin Kleeblatt wohnen in Nordland, wo der schönste Palast der Welt steht.

Ihr Sohn Primo hat ein Schloss in Südland gebaut, wo es tiefe Seen voll von Fischen gibt.

Prinz Dutzend, der mittlere Sohn, regiert über Ostland.

Leo Lärm, der jüngste Prinz, baute sein Schloss aus schwarzem Granit in Westland.

Jeder nennt es Prassberg und ich arbeite da in der Küche…

 

Oh ja, mein Name ist Alex.

Ich bin nur ein kleiner Junge.

Aber ich habe schon viele Abenteuer erlebt.

Zusammen mit Kubus Meckerfreund, einem alten, grauen Kater.

Würde ich jetzt erzählen, dass der Kater und ich miteinander sprechen können und dass ich genauso klein bin wie er, wird mir niemand glauben. Und erst recht nicht, wenn ich behaupten würde, dass Kubus Meckerfreund und ich Freundschaft mit einem Wolpertinger geschlossen haben.

Es ist deshalb besser, wenn ich alles von Anfang an erzähle.

Von dem Moment an als ich Auge in Auge mit dem riesigen Prinz Leo Lärm aus Westland gegenüberstand!

 

1: Prinz Leo Lärm

Ich saß im Gras, am Waldesrand, als ich ein gewaltiges Dröhnen hörte. In meinen Händen hielt ich eine Holzschale, in der ich Nüsse und Früchte gesammelt hatte. Das Dröhnen kam immer näher. Zwischen den Bäumen sah ich wie sich etwas bewegte.

Zweige wurden zur Seite gedrückt und brachen ab. Erschrocken schaute ich auf. Zuerst sah ich die Schnauze einen riesengroßes Pferdes auftauchen.

Kurz darauf erblickte ich den Reiter. Es war ein Mann von einer unglaublichen Größe, mit einem dicken Bauch und einem prallen Gesicht. Ein Riese! Er ließ das Pferd knapp vor mich anhalten, beugte sich tief zu mir hinunter und sagte mit einer bösen Stimme:

"Was isst du da?"

"Ich habe noch keinen Bissen davon genommen, Herr," antwortete ich wahrheitsgetreu, denn ich wollte gerade beginnen als er sich näherte.

"Mit frechen Kindern mach ich kurzen Prozess! Hast du einen Hasen oder ein Kaninchen geschossen? Jagen ist hier verboten! Nur Prinz Leo Lärm darf hier jagen…"

"Ich habe nur Haselnüsse, Walnüsse, Heidelbeeren und Brombeeren gepflückt…"

Der Riese streckte seine Hand aus.

"Gib her!" brummte er. "Alle Haselnüsse, Walnüsse, Heidelbeeren und äh…"

"Brombeeren…?" ergänzte ich.

"Genau… und alle Brombeeren sind für mich!"

Ich stand auf und gab ihm de Schale. Er riss seinen Mund auf und schlang alles schnell hinunter. Laut schmatzend wischte er sich seinen Mund ab und murmelte:

"Das schmeckt aber gut! Nüsse und Früchte zusammen, das ist eine gute Idee. Sag mir mal, Kerlchen… wie heißt du und wo kommst du her?"

"Ich komme aus den Alpen, Herr," sagte ich. "Mein Vater ist Kesselflicker und verdient nicht viel. Deshalb ging ich auf die Suche nach Arbeit. Mein Name ist Alex, und…"

"Hm," murmelte der Riese, während er mich von Kopf bis Fuß betrachtete. "Ein Junge als den Alpen. Und hast du Arbeit gefunden?"

"Nein, Herr. Ich habe es überall probiert. Die Holzhacker fanden mich nicht stark genug, ein Müllerfand mich zu klein, ein Schmied lachte mich nur aus und ein Bauer sagte, dass ich in meinen verschlissenen Kleidern so komisch aussehe, dass ich bei ihm nur Vogelscheuche spielen könnte…"

"Hast du noch mehr Nüsse und Früchte?"

"Nein… Ihr habt soeben alle aufgegessen.“

"Hast du irgendwie Ahnung, wer ich sein könnte?"

"Ich… ich denke, dass Ihr Prinz Leo Lärm seid…"

"Genau. Du hast die Alpen verlassen und bist jetzt in Westland. Ich frage mich, was ich mit dir tun werde. Vielleicht muss ich dir eine Tracht Prügel geben, weil du Nüsse und Früchte gepflückt hast. Vielleicht lasse ich dich aber auch noch mehr pflücken, weil ich immer einen riesengroßen Hunger habe!"

Er betrachtete mich noch einmal aufmerksam und sagte dann:

"Ach… worüber rege ich mich eigentlich auf! Sag mal, verstehst du etwas vom Kochen? Von leckeren Dingen?"

"Prinz, wo ich herkomme versteht jeder etwas vom Kochen. Wir sind arme Menschen und haben gelernt, von den einfachsten Dingen etwas Schamhaftes zuzubereiten. Von ein paar alten Brotrinden, ein bisschen Butter und etwas Suppe könnte ich eine Mahlzeit für einen König zubereiten."

Der Prinz leckte sich mit seiner Zunge die Lippen und strich mit einer Hand über seinen dicken Bauch.

"Suppe!" sagte er dann. "Das ist genau das, worauf ich jetzt Appetit habe, kleiner Alex. Ein großer Topf Suppe… mit ganz viel Brot dazu! Ich bin ein Königskind und bin gewöhnt, dass ich zu jeder Tageszeit meinen Bauch vollschlagen kann… Hm! Suppe mit Brot…"

"Wenn de Suppe gut ist, schmeckt Ihr nicht einmal, dass Ihr altes Brot dazu esst, Prinz!"

Ich selbst hatte auch Hunger. Ich hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen und der Prinz hatte mir meine Nüsse und Früchte weggenommen. Ich dachte an ein Glas frische Milch von Alpenkühen, an Brot, Butter und Käse, an einen glühend heißen Pfannkuchen…"

"Du bist bestimmet ein ganz schlaues Kerlchen," sprach der Prinz. "Ich gebe dir eine Chance. Ich nehme dich mit nach Prassberg, meinem Schloss. Du kannst dort in der Küche arbeiten. Wenn dein Vater Kesselflicker ist, kannst du bestimmt auch meine alten Töpfe und Pfannen reparieren. In der Küche kann man immer Hilfe gebrauchen. Das Feuer must ständig brennen, es muss gekocht, gebacken und gebraten werden. Gib mir deine Hand, Junge, dann setze ich dich hinten auf mein Pferd…"

Gleich darauf ritten wir weg. Ich musste mich am Gürtel des Prinzen festhalten. Ich schaute auf seinen hohen Rücken und saß ganz und gar nicht bequem auf diesem großen, breitem Pferd. Der Prinz ließ das Tier traben und rief dauernd:

"Schneller! Zum Schloss! Mein Mage knurrt… ich habe einen riesigen hunger!"

"Seid Ihr ein echter Prinz?" rief ich durch das Hufgetrappel hindurch.

"Aber natürlich! Natürlich!" rief er zurück. "Mein Vater ist kein geringer als König Kleeblatt. Ich möchte aber das ganze Land regieren. Über Nordland, Ostland, Südland und Westland zusammen. Aber mein Vater will davon nichts hören… und außerdem habe ich noch zwei Brüder, die genau dasselbe wollen wie ich. Wir haben immer Streit miteinander..! Aber da wirst du noch selbst dahinterkommen. Zumindest wenn du lange genug in meiner Küche arbeiten darfst…"

"Was meint Ihr damit?" rief ich.

Ich musste kurz seinen Gürtel loslassen, um meine Hände an meinen Mund legen zu können – und schrie so laut wie ich nur konnte, um mich verständlich zu machen.

Er lachte nur. Und das Pferd rannte so schnell, dass ich hin und her geschüttelt wurde und mich schnell wieder an dem ledernen Gürtel festhalten musste.

"Wenn du etwas falsch machst, dann werfe ich dich vom höchsten Trum hinunter!" brüllte Leo Lärm. "Oder ich füttere dich meinen Hunden… Und wenn du ein Essen machst, das mir nicht schmeckt, dann werde ich fuchsteufelswild! Wenn ich mich richtig ärgere, dann werfe ich so einen kleinen Jungen die dich so weit wie nur möglich weg! Sieh dich also vor, Kerlchen! Wenn ich mitten in München stände, könnte ich dich mit einem riesigen Schwung bei Passau in die Donau werfen! Ach… sei doch froh, dass du es mit mir und nicht mit meinem Bruder Prinz Dutzend zu tun hast!"

"Prinz Dutzend?" wiederholte ich so laut ich konnte.

Meine Kehle fing schon an, weh zu tun.

"Genau! Du denkst wohl, dass ich groß bin, ja? Du denkst bestimmt, dass ich ein riesengroßer Prinz bin…"

"Zweifellos, Prinz…!"

"Im Vergleich zu meinem Bruder bin ich nicht grösser als ein Zwerg. Er ist zwölfmal stärker als ich, isst zwölfmal mehr und würde dich zwölfmal mehr bestrafen, wenn du sein Essen anbrennen lässt!"

"Und… und Ihr Vater, der König?" wagte ich zu rufen.

Der Prinz hielt sein Pferd abrupt an. Ich schlug mit meinem Kinn auf seinen runden Körper. Er drehte sich zur Hälfte um und sprach ganz ruhig:

"Mein Vater…? Mein Vater? Der ist zwölfmal so stark wie mein Bruder. Er isst auch zwölfmal so viel. Glaube mir, Alex, ich bin bestimmet ein keine Riese. Denn ich habe noch nicht von Primo erzählt, mein ältesten Bruder. Einmal habe ich gesehen, wie er zwanzig Brotlaibe mit Wurst an einem Abend verschlang. Davon bekam er dann so großen Durst, dass er drei Tonnen Bier trank. Es gibt Tage, an denen Primo noch mehr isst als unser Vater, der König…"

Er gab seinen Pferd die Sporen. In rasender Fahrt ritten wir weiter. Als ich mir zur Seite beugte und hinter ihm hervorschaute, sah ich ganz in der Ferne ein großes Schloss vor uns liegen. Es war aus schwarzen Steinen gebaut.

"Da liegt Prassberg!" rief der Prinz. "Du kannst sofort in der Küche anfangen zu arbeiten. Ich bin neugierig, was der alte Spachtel Brenner sagen wird, wenn ich dich ihm bringe. Wenn er dich nicht brauchen kann, werf ich dich natürlich gleich wieder hinaus!“

Wir ritten durch das Schlosstor. Die Hufe des Pferdes schlugen Funken auf der Steinen, als wir im Innenhof ankamen. Sofort sprang der Prinz aus dem Sattel. Ich glitt auch aus dem Sattel und war froh, wieder mir beiden Beinen auf der Erde zu stehen.

Ein Diener nahm den Prinzen das Pferd ab. Leo Lärm legte seine große, schwere Hand auf meine Schulter.

"Jetzt komm mal mit mir mit. Ich bringe dich direkt in die Küche. Dann kannst du beweisen, ob du etwas vom Kochen verstehst.“

In diesem Augenblick war ich mir nicht mehr sicher, ob es klug gewesen war mein Zuhause in die Alpen zu verlassen. Der riesengroße Prinz schob mich vor sich her. Wir betraten das Schloss und liefen durch lange, dunkle Gänge. Aus dem Boden sah ich ein paar Hunde liegen, grösser als Wölfe, die ihre weißen Zähne entblößten, als ich an ihnen vorbeilief.

Ich konnte den Magen des Prinzen wirklich knurren hören. Das knurren hallte durch die ganzen Gänge wider. Hinter mir hörte ich die Hunde ihre Mäuler zuklappen.

Auf einmal hatte ich selbst gar nicht mehr so viel Hunger…

 

Kapitel 2: Der Windwagen

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